Fünf vor Zwölf. G8 plus5 einigen sich auf 2-Grad-Ziel beim Klimaschutz

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15.07.2009 - 15:35
Prof. Dr. Reimund Schwarze

Bild:Prof. Dr. Reimund Schwarze ist Klimaexperte am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und lehrt Umweltökonomie an der Universität Innsbruck.
Foto: André Künzelmann/UFZ

Die Runde der acht führenden Industriestaaten (G8) haben sich auf ihrem Gipfeltreffen im italienischen L'Aquila gemeinsam mit den wichtigen Schwellenländern China, Indien, Brasilien und Mexiko im sog. Major-Economies Forum (MEF) darauf verständigt, die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken, um die Folgen des Klimawandels beherrschbar zu halten. Handelt es dabei um die "Trendwende", von der Kanzlerin Merkel spricht, oder wurde nur wieder der "kleinste gemeinsame Nenner" hehrer, aber unverbindlicher Ziele gefunden, wie Greenpeace bemängelt?

Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, ob das in der Tat sehr ambitionierte Zweigrad-Ziel in Taten umgesetzt wird. Dazu bedarf es definierter Zwischenziele bis 2020, vor allem aber einer enormen Verzichtsanstrengung. Die Welt müsste Dreiviertel Ihrer heutigen verfügbaren Vorräte an fossilen Brennstoffen ungenutzt im Boden lassen, wenn wir eine faire 75%-ige Chance haben wollen, das Zweigrad-Ziel zu erreichen. Wir müssten noch in diesem Jahr zu einer Trendwende beim weltweiten Kohlenstoffausstoß kommen. Statt wachsender Emissionen müssten Industrie- und Entwicklungsländer gemeinsam stetig, Jahr für Jahr, ihren Kohlenausstoß um 2% reduzieren. Das gelingt realistisch nur, wenn die Industrieländer jährlich mindestens dreimal so hohe Reduktionsleistungen erbringen. Würden wir nur wenige Jahre später starten, z.B. in 2015, verdoppelt sich die Last der Reduktion für alle auf 4% pro Jahr. Ab 2020 wäre die Last sogar dreifach so hoch: 6% pro Jahr weltweit und damit ca. 18 % pro Jahr für die Industrieländer. Ein Scheitern liegt bei weiterem Zögern also in der Luft. Es ist fünf vor Zwölf.

Das haben wohl auch die Politiker der G8 und die Vertreter der Schwellenländer in L'Aquila gespürt, als sie sich endlich auf diese Zielmarke geeinigt haben. Der Weg zu einer Lösung des Problems ist damit aber noch nicht geschafft. Denn es gab keine konkreten Reduktionspflichten in der Erklärung des MEF. Nur die Industrieländer haben sich einseitig zu einer 80%-igen Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 verpflichtet. Und das auch nur, wenn die Schwellenländer mitziehen und ihrerseits einen konkreten Beitrag leisten, um gemeinsam eine weltweite Emissionsminderung von 50% bis 2050 zu erreichen. Die Chancen für diese Kooperation stehen aber schlecht. In vielen Schwellenländern fehlt bis heute jedes Bewusstsein für die Klimaproblematik. Und die geforderten finanziellen Hilfen für eine Abkehr vom 'business as usual' in den Schwellenländern übersteigen das ökonomisch Mögliche in den Industrieländern - besonders in Zeiten der immer noch nicht durch gestandenen Finanzkrise. Wie wenige Hilfsgelder gegenwärtig verfügbar sind, zeigen die gleichzeitigen Beschlüsse der G8 zur finanziellen Unterstützung für die Länder Afrikas. Für die zugesagten 15 Milliarden Dollar für die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelsicherheit in Afrika ist nicht geklärt, wie die Gelder genau aufgebracht werden sollen und ob es sich tatsächlich um neue oder nur um bereits versprochene Hilfen handelt. Bei den Hilfen für die Anpassung an den Klimawandel ginge es um mehr als zehnfach größere Summen.

Das Zweigrad-Ziel ist mit Sicherheit nicht mehr zu erreichen - wie letztlich kein Ziel für die Begrenzung der Erderwärmung. Wir müssen mit einem Risiko der Zielverfehlung rechnen. Wären wir z.B. bereit - so wie das UK Climate Change Committee, ein unabhängiges Beratergremium der britischen Regierung in Sachen Klimapolitik - das Zweigradziel nur mit 50%-iger Wahrscheinlichkeit zu erreichen, d.h. mit 50%-iger Wahrscheinlichkeit eine Zielverfehlung und damit höhere Temperaturen auf der Erde hinzunehmen, müssten wir nur gut halb so hohe Anstrengungen hinnehmen und dürften noch die Hälfte der Weltvorräte an fossilen Brennstoffen verbrennen. Wenn wir das Zwei-Grad-Ziel aber ernst nehmen, dann müssen wir andere, nicht weniger riskante Wege beschreiten. Ein Weg sind sog. 'Negativemissionen', z.B. die Bindung von Kohlenstoff in Wäldern oder die unterirdische Verbringung von Kohlenstoffemissionen aus der Biomassenutzung in Salzlagern - bekannt als 'Carbon Capture and Storage', kurz CCS. In Deutschland gerade noch an den Bedenken von Umweltschützern und Nachbarn gescheitert, wird CCS zu einer Schlüsseltechnologie für die Lösung des internationalen Verhandlungspatts. Denn die Kohlenutzung bleibt für Schwellenländer wie China und Indien noch auf lange Zeit unverzichtbar. Hier ist CCS schon im Rahmen der Abkehr vom "business as usual" nötig. Das gilt erst recht wenn wir 'Negativemissionen' erzeugen müssten, womit für den Fall eines Scheiterns in Kopenhagen und weiterer Verzögerungen bei der Trendwende rechnen müssen. Daneben muss man auch heute schon über Techniken des sog. 'Geo-Engineering' wie den Eintrag von Aerosolen in die Atmosphäre oder die Eisendüngung der Ozeane nachdenken und diese trotz ihrer ökologischen Risiken erforschen. Das verlangt unsere Verantwortung gegenüber der Zukunft. Wir brauchen die Vorsorge für den 'planetaren Notfall' einer beschleunigten Erderwärmung, der bei einer Erderwärmung von über 5° C zu erwarten ist. 'Geo-Engineering' ist ein schlüpfriger Pfad, denn manche Länder könnten die Machbarkeit dieser Techniken als billigen Ausweg aus der nötigen Strategie des Verzichts werten. Deshalb müssen entsprechende internationale Vereinbarungen gefunden werden, die die Nutzung von 'Geo-Engineering' klar und kontrollierbar auf den 'planetaren Notfall' beschränken. Verschweigen und Nichtstun hilft uns hier auch nicht weiter.

Sonst bleibt uns nur die Anpassung an den Klimawandel. Die ist selbst bei Erreichung des Zweigradziels nötig. Wir müssen unsere Verletzlichkeit gegenüber der unvermeidlichen Erderwärmung verringern, z.B. in Deutschland besser für zunehmende Hitze- und Starkregenereignisse aufstellen. Hieran arbeiten die Bundesregierung und die Bundesländern - unter anderem unter Mitwirkung von wissenschaftlichen Institutionen wie dem PIK in Potsdam und dem UFZ - mit Hochdruck. Diese im internationalen Vergleich modellhaften Anstrengungen dürfen aber nicht national beschränkt bleiben. Wir hängen nicht nur über die Atmosphäre mit allen anderen Ländern dieser Welt in der Klimapolitik zusammen. Gelingt es uns nicht, auch die ärmsten Länder dieser Welt für die Erderwärmung zu ertüchtigen, so müssen wir mit gewaltigen Migrationswellen, einer Klimaflucht biblischen Ausmaßes, rechnen. Deshalb muss das Thema der internationalen Anpassung auch mit auf die Verhandlungsagenda in Kopenhagen. Die Beschlüsse der G8+5 zeigen, dass der Zusammenhang von den großen Volkswirtschaften dieser Welt erkannt wurde. Hinreichend Finanzmittel sind allerdings nicht in Sicht und werden damit wohl auch die eigentliche Hürde der Verhandlungen in Kopenhagen werden. Vielleicht liefert uns die Finanzkrise und die Schwindel erregenden Summen, die zu deren Begrenzung weltweit aufgebracht wurden, das Argument, um diese Hürde zu nehmen.

Waren die Beschlüsse von L'Aquila also nun der Durchbruch in der internationalen Klimapolitik oder nicht? Eins ist klar, sie waren nötig. Die bislang visionslos vor sich hindümpelnden Verhandlungen in den Gremien der UN haben durch die Beschlüsse von L'Aquila eine Zielmarke bekommen, die ihnen bislang fehlte. Dort (und nur dort) können sie in Zwischenziele bis 2020 übersetzt werden, die in Kopenhagen auf der Verhandlungsagenda für die ganze Welt stehen müssen. An konkreten Zwischenzielen für die Industrie- und Schwellenländer sowie Verträgen zur gemeinschaftlichen Entwicklung und Nutzung von Klimaschutztechnologien, inklusive CCS, entscheidet sich die Glaubwürdigkeit der internationalen Klimapolitik.

Ein Kommentar von Prof. Dr. Reimund Schwarze.
Er ist Klimaexperte am Helmholtzzentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und lehrt Umweltökonomie an der Universität Innsbruck.

Weitere Informationen:
http://www.ufz.de/index.php?de=18404




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